Gedanken über das Frankfurter Bahnhofsviertel
Das Bahnhofsviertel hat drei schwerwiegende Probleme.
Erstens: Es ist unterbevölkert. Ursprünglich gebaut für 11.000 Bewohner wohnen hier heute nur noch 1.861 Menschen.
Zweitens: Im Bahnhofsviertel kaufen zu wenige Menschen ein und deshalb können sich hier die Geschäfte nicht halten, sie machen dicht und wieder steht ein weiterer Laden leer, bei den vorhandenen Geschäften sinken die Umsätze oder stagnieren.
Und drittens: Das Image, das öffentliche Bild des Viertels, wird nicht durch eine Geschichte des Stadtteils bestimmt, sondern durch seine immer und immer wiederholte Beschwerde und Klage.
Dabei ist alles vorhanden, was es braucht, um das Quartier aufblühen zu lassen: Das Bahnhofsviertel hat im Gegensatz zur Zeil und zur Konstablerwache eine phantasievolle und reiche Architektur. Es hat die Aufmerksamkeit der Medien, es hat von allen Vierteln die beste Lage in der Stadt, es hat einen schier unerschöpflichen kulturellen Reichtum und es hat traditionsreiche Geschäfte und alteingesessene Bewohner und Hausbesitzer, die ihr Viertel lieben. Obendrein fließen jetzt auch Gelder, damit aus leerstehendem Gewerberaum wieder Wohnraum werden kann. Was also braucht es noch? Was es braucht, ist eine neue Geschichte. Für den Mangel an Einwohnern und Kunden werden unterschiedliche Gründe ins Feld geführt: Die einen machen die U- und S-Bahnen, die die Besucher der Stadt unter dem Viertel hindurch direkt zur Haupt- und Konstablerwache transportieren, die anderen das Rotlichtmilieu und weitere den Umstand, dass hier zu viel Gewerberaum genehmigt wurde, wo eigentlich Wohnungen sein sollten, für den Einwohner- und Kundenschwund verantwortlich. Vielleicht gibt es noch mehr Gründe und vielleicht steckt in all diesen Gründen ein Körnchen Wahrheit.
Ganz sicher stimmt auch für unseren Stadtteil die These aus Richard Sennetts Buch “Civitas”: “Die Verödung und Trivialisierung der Stadt als Schauplatz des Lebens ist kein Zufall.”(1) Aber für uns als Bewohner und Menschen, die hier leben und arbeiten sind die Gründe nicht so wichtig. Für uns ist wichtig, wie wir das ändern können und wie wir Menschen hier her locken, die hier wohnen und einkaufen, wie wir eine neue Lebendigkeit in unser Viertel bringen.
Diese Aufgabe wird wiederum in Sennetts berühmten Buch formuliert und zwar, wie folgt:
“Das kulturelle Problem der Stadt besteht darin, wie man diese unpersönliche Umgebung zum Sprechen bringen kann, wie man ihr ihre Ödnis, ihre Neutralität nimmt…”(2) Unser Viertel zum Sprechen zu bringen und seine Darstellung in den Medien zu wandeln, das ist die Absicht und Wirkung dieser Website. Hier werden drei Stimmen aus dem Inneren des Viertels zusammengefasst: Die Arbeit der Werkstatt Bahnhofsviertel, des Treffpunkt Bahnhofsviertel und des Vereinsrings, der nächsten Monat gegründet wird. Wie ist diese Idee entstanden?
Ich habe im Dialog mit einem der Pioniere des Viertels, dem Schuhmachermeister Wolfgang Lenz begonnen erst die Geschichte seines Betriebes und dann die des Kontextes, in dem dieser Betrieb steht, dem Frankfurter Bahnhofsviertel, aufzuschreiben und zu dokumentieren. Wenn ich hier das Wort Geschichte verwende, dann meine ich vor allem Geschichte im Sinne von Erzählung, sicher auch mit einem historischen Aspekt aber vor allem als gegenwartsbezogene Berichterstattung in narrativer Form. Das ist es, was meiner Meinung nach das Frankfurter Bahnhofsviertel vom Hamburger St. Pauli so grundlegend unterscheidet, und es ist, in meiner Wahrnehmung, der eigentliche Grund, warum aus unserem Viertel das Leben fast herausgeronnen ist. Wir haben nicht erzählt, sondern die Umstände beklagt: die Bahnen, die die Menschen unter dem Viertel hindurchschießen, das Rotlichtmilieu und die Genehmigung der Gewerberäume und Anderes mehr.
Durch dieses immer wiederkehrende Klagelied entstanden in den Köpfen der Menschen beklagenswerte Bilder und so werden die Medien, wie es z.B. kürzlich in der FAZ geschehen ist, nicht müde zu erzählen, wir würden hier unter dem Rotlichtmilieu leiden. So einen Unsinn würde über St. Pauli niemand schreiben. Die Neue Presse, das Journal Frankfurt und die Rundschau sind da viel wacher, was den Stimmungswandel im Viertel betrifft! Man mag zum Rotlichtmilieu stehen wie man will, aber da wo Freudenhäuser sind, ist auch Geld und es wird gegessen und eingekauft und vielerlei sonst erledigt. Die Prostitution ist nun mal da und abschaffen lässt sie sich nicht. Dass unsere Straßen nachts belebt und voller Menschen sind, trägt sogar dazu bei, dass das Bahnhofsviertel, was die Kriminalitätsstatistik beweißt, eines der sichersten Viertel unserer Stadt ist.
Es ist die Erzählweise darüber, die den Ausschlag gibt: beschreibt man St. Pauli schon fast romantisch, so erzählt man in Frankfurt den Verfall. Die Hamburger Romantik ist ursprünglich nichts als eine Geschichte und der Frankfurter Verfall ist es ursprünglich ebenso aber beide Geschichten zeigen die, dem Blickwinkel entsprechende Wirkung. Unsere Geschichte erzählen, das ist es, was wir, die Bewohner und Menschen, die hier arbeiten und die die Häuser besitzen, beitragen können, um das Bild oder moderner gesagt, das “Image” unseres Viertels zu wandeln. “Ohne Erzählung gibt es kein Leben”, schreibt der ausgezeichnete schwedische Autor Niklas Rådström in seinem Roman: “Engel unter Schatten” und genau so gehen wir vor: Wir erzählen und machen dadurch unser Viertel lebendig. Das ist unrealistisch, habe ich sagen hören und ich bin erstaunt, denn ich weiß, dass es realistisch ist.
Ich habe den Beweis in der Hand, vielmehr auf Papier: Ich bin in meiner Imageberatung mit der Schuhmacherei Lenz genau so vorgegangen. Das Resultat erstaunt andere, mich nicht! Im ersten Jahr 12,5% Umsatzsteigerung im 2. Jahr (von Januar 2007 bis heute) 30%. Mich erstaunt das deshalb nicht, weil ich Experte bin für die Kraft von Geschichten, das war der Grund warum ich (mit meinen damaligen Kollegen) 1996 mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet wurde. Es sind die Geschichten, die Menschen anlocken oder wegbleiben lassen. Wir sehen sehr genau die Auswirkungen des Engagements von außen, z.B. die Arbeit des Stadtplanungsamtes und wir freuen uns darüber sehr.
Die Zuwendungen von außen sind notwendig aber alleine führen sie den Wandel nicht herbei, die Stimmen von innen sind es, die einen entscheidenden Unterschied bewirken. Bisher wurde viel erreicht durch die Werkstatt Bahnhofsviertel, die breiteste Informations- und Diskussionsplattform für Bürger aus dem Viertel, jetzt kommt eine weitere Stimme von innen dazu, der Treffpunkt Bahnhofsviertel, die Interessengemeinschaft zur Förderung von Gewerbe, Kultur, Handel und privatem Grundbesitz: der neue Gewerbeverband. In der Werkstatt geht es um Initiativen, ehrenamtliche Tätigkeiten, und Kommunikation zwischen Behörden, Politikern, sozialen Einrichtungen und Bürgern. Im Treffpunkt um geschäftliche Belange und privaten Grundbesitz.
In Zusammenarbeit werden diese Zusammenschlüsse viel erreichen, was dem Viertel dann noch fehlt, ist ein Vereinsring aber auch der ist in Gründung. Natürlich können wir nicht alles durch die Kraft der Erzählung allein bewerkstelligen und wir haben auch Forderungen und Wünsche, denen wir Gehör verschaffen. Eine dieser Forderungen ist, den Straßenverkehr zwischen dem Bahnhof und dem Viertel unter die Straße zu verlegen um so einen vom Verkehr befreiten Zugang vom Bahnhof zum Viertel zu erreichen. Es wird gerade der Wettbewerb für die Umgestaltung dieses Platzes ausgeschrieben und die Entscheidung, ob das Bahnhofsviertel eine einladende Pforte zur Stadt wird, hängt von dieser Entscheidung ab.
Die Initiative zur Gründung des Treffpunkt Bahnhofsviertel ging von der Kreuzung Münchener Straße/ Ecke Moselstraße aus. Die Behauptung, dass der weitere Aufschwung des Bahnhofsviertel an dieser Kreuzung beginnt, war die pure Erfindung, aber wir haben sie umgesetzt, die Kreuzung bot sich an, erstens deswegen, weil das Eckhaus Münchener Straße 38, das, mit Mitteln der Stadt unterstützt, soweit fertig gestellt ist, heute besichtigt werden kann. Zweitens: weil hier der Betrieb steht, der vielleicht die höchste Umsatzsteigerung in den letzten Monaten im Bahnhofsviertel hatte, die Schuhmacherei Lenz, drittens weil sich hier das Papierwarengeschäft Fleischhauer befindet, dessen Jubiläum ich dieses Jahr betreuen werde um die Umsätze auch dort erheblich zu steigern und viertens weil sich hier mein Verlag art&hammers befindet, der die neue Geschichte des Viertels zusammenfasst und sie im Internet erzählt.
